Ratgeber · Ernte & Lagerung

Sieben Mythen über Ernte und Trocknung

Handlupe vor einer Blüte; im Hintergrund hängen einzelne Zweige zum Trocknen.

Die letzten zwei Wochen entscheiden über Aroma und Haltbarkeit von allem, was du in den Monaten davor aufgebaut hast. Trotzdem ist die Ernte der Abschnitt, bei dem am meisten geeilt wird, weil man endlich fertig sein will. Die sieben Behauptungen hier führen alle in dieselbe Richtung: zu früh, zu schnell, zu hell.

Erntereife erkennt man an den weißen Härchen

Urteil: Teils

Die Blütenhaare, die Pistillen, verfärben sich im Laufe der Blüte von weiß über orange nach braun und ziehen sich ein. Wenn etwa 70 bis 80 Prozent verfärbt sind, ist die Pflanze in der Nähe der Erntereife. Als grober Hinweis taugt das.

Verlässlich ist es nicht. Manche Sorten haben bis zum Schluss viele weiße Haare, andere sind früh braun. Und ein Stressfaktor in der Spätblüte, etwa Hitze, lässt neue weiße Haare wachsen, obwohl die Blüte reif ist. Der Maßstab sind die Trichome, die kleinen Harzköpfe auf der Blüte, unter einer Lupe mit mindestens 30-facher Vergrößerung. Klar heißt zu früh, milchig heißt reif, bernsteinfarben heißt Abbau beginnt.

Alle Trichome bernsteinfarben ist der beste Erntezeitpunkt

Urteil: Mythos

Bernsteinfarbene Trichome zeigen, dass die Inhaltsstoffe im Harz beginnen, sich abzubauen. Ein Anteil davon gehört dazu. Wer wartet, bis alle bernsteinfarben sind, erntet eine Pflanze, die ihren Höhepunkt hinter sich hat.

Der übliche Erntezeitpunkt ist, wenn die meisten Trichome milchig-trüb sind und die ersten bernsteinfarben werden, etwa 10 bis 20 Prozent. Wer es etwas später mag, wartet auf 30 Prozent. Darüber hinaus bringt Warten nichts mehr außer Schimmelrisiko. Und kontrolliere an mehreren Blüten, oben und unten. Die obersten sind meist weiter als die unteren.

Schnelles Trocknen schadet nicht

Urteil: Mythos

Blüten, die in drei bis vier Tagen trocken sind, verlieren einen großen Teil ihres Aromas. Die flüchtigen Terpene verdunsten mit dem Wasser, und was bleibt, riecht nach Heu. Außerdem trocknet die Außenseite schneller als das Innere, die Blüte wirkt trocken, ist innen aber noch feucht, und schimmelt später im Glas.

Ziel sind sieben bis vierzehn Tage bei etwa 18 bis 20 Grad und 55 bis 60 Prozent Luftfeuchte, im Dunkeln, mit leichter Luftbewegung im Raum, aber nicht direkt auf die Blüten. Die Blüten sind fertig, wenn kleine Stängel beim Biegen brechen statt sich zu biegen. Wer es eilig hat, verliert das, worauf er drei Monate gewartet hat.

Curing ist nur etwas für Kenner

Urteil: Mythos

Curing heißt: Die getrockneten Blüten kommen in ein geschlossenes Glas, das in den ersten zwei Wochen täglich für ein paar Minuten geöffnet wird, danach seltener. Dabei gleicht sich die Restfeuchte aus, Chlorophyll baut sich ab, und das Aroma wird runder.

Das ist keine Feinheit für Fortgeschrittene, sondern der Unterschied zwischen einer Ernte, die nach Heu riecht, und einer, die nach der Sorte riecht. Es kostet ein Glas, zwei Minuten am Tag und drei bis vier Wochen Geduld. Ein Hygrometer im Glas hilft: 58 bis 62 Prozent sind das Ziel. Darüber öffnest du länger, darunter ist es zu trocken und du kannst nichts mehr tun.

Später ernten bringt immer mehr Ertrag

Urteil: Teils

In den letzten zwei Wochen der Blüte legen die Blüten noch sichtbar an Dichte und Gewicht zu. Wer eine Woche zu früh erntet, verschenkt einen Teil davon, und die Blüten sind luftiger.

Ab dem Punkt, an dem die Trichome überwiegend milchig sind, kommt aber nichts mehr dazu, was das Risiko aufwiegt. Jede weitere Woche ist eine Woche mehr Botrytis-Risiko in dichten Blüten, eine Woche mehr Abbau im Harz, und draußen eine Woche näher am nassen Oktober. Später ist besser als zu früh. Aber es gibt ein Zu-spät, und die Lupe sagt dir, wann.

Nass trimmen ist immer schlechter als trocken

Urteil: Teils

Beim Nasstrimmen entfernst du die Blätter direkt nach dem Schneiden, wenn sie noch abstehen. Das geht schneller, die Blüten trocknen gleichmäßiger, und in einem feuchten Trockenraum senkt es das Schimmelrisiko, weil weniger Blattmasse Feuchtigkeit hält.

Beim Trockentrimmen bleiben die Blätter dran und schützen die Blüte während der Trocknung, was Aroma erhält und die Trocknung verlangsamt. Das ist in einem trockenen Raum die bessere Wahl. In einem Raum, in dem die Luftfeuchte nicht unter 60 Prozent zu bekommen ist, ist nass die sichere. Es gibt kein Immer, es gibt deinen Trockenraum.

Trocknen muss nicht im Dunkeln passieren

Urteil: Mythos

Licht, vor allem UV-Anteil, baut die Inhaltsstoffe im Harz ab und lässt Blüten schneller altern. Ein Trockenraum mit Tageslicht kostet dich in zwei Wochen mehr Qualität als ein zu früher Erntezeitpunkt.

Dunkel, kühl, mit Luftbewegung. Ein Kleiderschrank mit einer Schnur und einem kleinen Ventilator am Boden ist ein guter Trockenraum. Das Zelt nach der Ernte mit ausgeschalteter Lampe ebenfalls, solange die Abluft weiterläuft.

Was bleibt

Lupe statt Kalender, zwei Wochen statt vier Tage, Glas statt Tüte, dunkel statt hell. Die Ernte ist der Teil, bei dem Geduld direkt in Qualität umgerechnet wird, und der einzige, bei dem du am Ende nichts mehr korrigieren kannst. Was in der Trocknung verloren geht, ist weg.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich den Erntezeitpunkt?

An den Trichomen unter einer Lupe mit mindestens 30-facher Vergrößerung. Überwiegend milchig mit 10 bis 20 Prozent bernsteinfarbenen Köpfen ist der übliche Zeitpunkt.

Wie lange soll die Trocknung dauern?

Sieben bis vierzehn Tage bei 18 bis 20 Grad und 55 bis 60 Prozent Luftfeuchte, im Dunkeln. Fertig, wenn kleine Stängel beim Biegen brechen.

Was ist Curing und brauche ich das?

Die getrockneten Blüten kommen in ein geschlossenes Glas, das anfangs täglich kurz geöffnet wird. Es verbessert Aroma und Haltbarkeit jeder Ernte, auch der ersten.

Nass oder trocken trimmen?

Nass in feuchten Räumen, weil es das Schimmelrisiko senkt. Trocken in trockenen Räumen, weil es mehr Aroma erhält. Es hängt an deinem Trockenraum.

Bringt späteres Ernten mehr Ertrag?

Bis die Trichome überwiegend milchig sind, ja. Danach kommt nichts mehr dazu, was das Schimmelrisiko aufwiegt.

Dieser Artikel ist Teil des Ratgebers Ernte & Lagerung.Zum Ratgeber